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Fußball Gießen

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Von Rüdiger Dittrich
Erschienen am 14.03.2019 um 06:40 Uhr, zuletzt geändert am 14.03.2019 um 12:37 Uhr

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Wenn Lübeck an einem Montagabend gegen den Hamburger SV U 23 spielt, kann man das in Mittelhessen im Fernsehen schauen, muss aber nicht. Oder? Ein Erfahrungsbericht.

Fußball, überall Fußball. Muss man den immer gucken? Im Prinzip schon, ist ja so ähnlich wie Thai Chi, wenn man emotional neutral ist. Foto: dpa

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GIESSEN - Manche Dinge sind rational einfach nicht zu erklären. Man macht etwas völlig Sinnloses, weiß nicht warum und fühlt sich hinterher komisch. Ich zum Beispiel habe am Montagabend Fußball geschaut: VfB Lübeck gegen den Hamburger SV II. Es war ein ganz normaler Montagabend, außer, dass meine Frau unterwegs war, mein Hallenfußballtermin mit der kruden Mischung aus alten Herren und jungen Dilettanten ausfiel, der Sohn daneben auf dem Sofa saß und ich nach dem Abendessen zu ihm sagte. "Ich mache jetzt etwas Merkwürdiges, du musst das nicht verstehen."
Ich hätte ein Buch lesen können, mit dem Sohn reden oder Vokabeln üben, die Küche weiter aufräumen. Es gibt viele Dinge zu tun, die besser sind als an einem ganz normalen Montag in Mittelhessen den Fernseher einzuschalten und das Abendspiel der Regionalliga Nord anzusehen. Lübeck gegen den HSV U23? Was soll das? Ich habe keinen Bezug dazu, der HSV ist mir völlig Latte. Die Zweite des HSV ist mir so gesehen Doppel-Latte. Und Lübeck? Ist für mich die Stadt des Marzipans und - "Bildungsbürger, Bildungsbürger hey, hey" - die von Thomas Mann und Günter Grass. Außerdem steht in Lübeck das Holstentor. Das alte Ding vom Fünzigmarkschein hat mit einem Fußballtor soviel zu tun wie Regionalliga Nord mit der Champions League. Ich weiß das.
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Kurze Rede, langer Sermon: Ich habe es getan. Mein Sohn und ich saßen am Montagabend nebeneinander auf dem Sofa und haben VfB Lübeck gegen den Hamburger SV U 23 geschaut. Ich hatte die Namen von zwei Spielern schon mal gehört: Gommert, Torwart von Lübeck, der vom SV Meppen kam. Und Deichmann, Zehner von Lübeck, der für St. Pauli ein, zwei Zweitligaeinsätze absolviert hat. Beim HSV waren auch ein paar Spieler dabei, die schon mal in der 2. Bundesliga auf der Bank saßen.
Das Leben hat manchmal nichts Schönes. In Lübeck war es nass, der Rasen krautig und tief, hinter dem einen Tor war ein großer Erdhaufen zu sehen. Ab und an sah man, dass das Stadion ziemlich leer war, mein Sohn amüsierte sich über die "Hagebaumarkt"-Werbung, die "größer ist als das ganze Stadion", wie er anmerkte. Außerdem machten wir uns Gedanken, ob der FC Gießen die beiden Mannschaften schlagen würde. Ich sagte: "Sie könnten schon ordentlich mitspielen, aber Lübeck ist Tabellenzweiter und der HSV hat schon ein paar Bundesliga-Perspektivspieler dabei. Wird eng. Ist aber sicher möglich." Ansonsten starrten wir auf den Bildschirm und wussten nicht, warum? Auch nicht, warum so etwas im Fernsehen kommt? Fußball halt.
Das Stadion Lohmühle hat 15 000 Plätze, 2000 Zuschauer waren ungefähr da. Abwechselnd war das Plakat "sexmachine HSV" und "Danke Dietmar" zu sehen, auf dem die VfB-Gemeinde den Aufsichtsratvorsitzenden Dietmar Scholze betrauerte, der am Wochenende mit 77 Jahren gestorben ist. Der Reporter redete ansonsten wie Reporter so reden. Dass Lübeck in die 3. Liga will, aber neun Punkte hinter Wolfsburg II liegt. Der HSV II sei dazu da, dass die Spieler den "nächsten Schritt" machen. Fußball-Kauderwelsch. Der Hamburger SV war besser, Lübeck kämpfte und rackerte. Irgendwann war Halbzeit. Es stand 1:0 für Lübeck. "Ich mache das jetzt eh aus", sagte ich. Mein Sohn ging schlafen. Ich machte es nicht aus. Die zweite Halbzeit habe ich alleine geschaut. Und mich weiterhin gefragt, warum gucke ich das an? Lübeck kämpfte, der HSV hatte Chancen ohne Ende. Lübeck schoss das 2:0, der HSV hatte, wie der Reporter sagte, "eine tolle Moral".
Mittlerweile war ich in eine Art meditativen Zustand geraten, andere brauchen dafür Thai Chi, Chi Gong oder hören Buckelwalgesänge. Ich wurde eins mit mir bei Lübeck gegen den HSV II. Regionalliga Buddha. Irgendwo auf der Welt wird jetzt gekämpft, die Meere ersticken in Plastikmüll, morgen muss ich wieder ins Büro. Dachte ich. Aber all das war ganz fern. Mein Ich war ganz bei Lübeck gegen den HSV II - und dadurch ganz bei mir, weil mich das Spiel im Grunde nicht interessierte - keine Aufregung, kein Stress, keine Emotion, ich atme die Regionalliga Nord ein und aus. Und aus und ein. Die Regionalliga Nord (vielleicht auch die Nordost) kann die Seele reinigen. Man darf sich nur nicht fragen, warum das im Fernsehen kommt, wer das sonst noch guckt - und was das überhaupt alles soll? Das stört das Karma. Und so. Es hätte mich nicht gewundert, wenn Paulo Coelho, die Eso-Ballpumpe unter den Schriftstellern, ein Tor geschossen hätte.
In 14 Tagen wird VfB Lübeck gegen den TSV Havelse übertragen, sagte der Reporter. Ich knipste den Fernseher aus, las ein Buch, Lübeck hat 2:0 gewonnen. Ein Stück Marzipan wäre noch ganz nett gewesen. Gereicht von Günter Grass.

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